Im Auge des Leuchtfeuers

Unentwegt fielen die weißen Flocken aus dem schwarzen Himmel und rasten im grellen Lichtkegel der Scheinwerfer auf mich zu. Die Scheibenwischer gaben sich jede Mühe, die immer wieder aufliegende Schneeschicht beiseitezuschieben, aber die Sicht wurde nach jedem ihrer Versuche nur wenig besser. Ich blinzelte unwillkürlich und versuchte, mit den Augen den Seitenstreifen zu fixieren, der mich von Holm aus Richtung Wittenbergen leiten sollte.
„Warum muss auch ausgerechnet heute so ein Schietwedder herrschen?“, dachte ich wie so oft. Aber dann kam mir der Gedanke, dass es vollkommen egal war. Es spielte keine Rolle. Nicht heute. Nicht für das, was ich zu tun im Begriff war.
Nachdem die Wälder meinen Wagen immer wieder verschlungen und ausgespuckt hatten, tauchte ich schließlich in das letzte Stück des Naturschutzgebiets ein und erreichte wenig später den Parkplatz am Rissener Ufer. Ich schaltete den Motor aus und saß einen Augenblick in der Stille, die sich in meinen Ohren ausbreitete. Langsam legten sich von hinten die Arme einer Furcht um mich und hielten mich fest. Doch ich riss mich sofort aus ihrer Umklammerung los, stieß sie schroff von mir. Ich hatte bisher keinen Gedanken an den bevorstehenden Moment verschwendet und würde es auch jetzt nicht tun. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte in roten Ziffern 20:23. Ich hatte noch etwas Zeit, aber da es im Auto nicht viel wärmer war als draußen, stieg ich aus und ging ein Stück durch den Schnee. Die Sohlen meiner Winterstiefel knirschten bei jedem Schritt auf dem weißen Puder. Ich hatte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, wo sie vor der Kälte Schutz suchten. Nach und nach wärmten sich meine Finger etwas auf und schreckten umso mehr zurück, als sie aus Versehen gegen das eiskalte Metall am Boden meiner Tasche stießen. Ich zog die rechte Hand ein Stück höher und blickte auf das tiefdunkle Wasser, das vor mir lag. Seit ich geboren wurde, hörte ich das Rauschen der Elbe und das Kreischen der Möwen. Es war mir so vertraut wie nichts anderes.
Dass ich gerade den Strand in Wittenbergen für diesen Abend ausgewählt hatte, war kein Zufall gewesen. Es war der Ort, der mir eine Zuflucht gewährt hatte, als das Leben angefangen hatte, nach mir zu treten. Wann immer ich hergekommen war, hatte sich das Wasser wie eine schützende Mauer um mich herum aufgebaut und jeden vernichtenden Gedanken und alle Sorgen abgeblockt. Als stünde man hier unter einer unsichtbaren Glocke.
Mit einem Mal drang das Motorengeräusch eines näher kommenden Autos zu mir. Das musste er sein. Niemand würde jetzt hierherkommen außer demjenigen, den ich darum gebeten hatte. Reifen auf Schnee, das gedämpfte Schließen einer Autotür, langsame Schritte, die sich näherten. Ein paar schwere Stiefel kamen kurz darauf neben mir zum Stehen. Leif Eggers trug einen grauen Wollmantel und seine alten Lederhandschuhe. Auch er ließ seinen Blick für eine Weile schweigend auf dem Strand verharren, bis ich wortlos Richtung Wasser ging und er mir folgte. Ich erschauderte vor dem eisigen Wind, der uns beim Verlassen des Waldschattens plötzlich entgegenwehte. Es half kaum etwas, die Schultern hochzuziehen, um den Kopf etwas mehr im Mantelkragen zu vergraben. Die Kälte presste sich einem erbarmungslos an den Leib.
Leif und ich gingen das kurze Stück zum Strand hinunter, stapften über die Schichten von Schnee und Sand und blieben ganz vorn stehen, wo Eisschollen das Ufer säumten. Ruhig und glatt ruhte die See vor uns. Die Bäume auf der anderen Seite der Elbe schimmerten weiß unter dem nächtlichen Himmel. In dieser Nacht würde der Strand auf andere Art seine schützende Hand über mich legen, denn um diese Zeit würde kein Mensch mehr hier sein. Und das war gut so. Wir mussten allein sein, Zeugen durfte es keine geben. Ich sah hinüber zum Leuchtturm, der fest auf seinem Mauerwerk thronte und auf uns hinabblickte. Er erinnerte mich daran, dass ich nicht länger warten sollte.
Ohne mir selbst ein weiteres Zögern zu gestatten, zog ich die Waffe aus meiner Manteltasche und richtete sie behutsam auf Leif. Er bemerkte meine Bewegung, blickte auf das blanke Metall in meiner Hand. Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Doch dann blieb er stehen. Der Ausdruck seiner Augen verhärtete sich und trotzte der Bedrohung. Keine drei Meter lagen zwischen uns. Ich konnte die Schwaden sehen, die er aushauchte.
„Tu es!“, dachte ich. Doch der Finger, der am Abzug lag, begann zu zittern. Die Glocke über mir mochte all die Dinge von außen abschirmen, aber umso deutlicher hörte ich nun meinen eigenen Atem, der stoßweise die kalte Luft und meine Gedanken ausstieß.
„Tu es endlich!“, dachte ich noch einmal und versuchte, meine Hand zu beherrschen. Aber plötzlich war es kein Schuss, der die Stille durchbrach, sondern ein lautes Knacken. Beinahe gleichzeitig sahen Leif und ich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Ein kleines Stück vom Sockel des Leuchtturms entfernt rührte sich etwas im Schatten der Bäume. Eine Gestalt. Es waren nur Bruchteile eines Moments, in denen ich abgelenkt war, doch Leif hatte die Situation blitzschnell erfasst. Er machte einen Satz auf mich zu und riss mir die Waffe aus meiner Hand. Doch anstatt sie abzufeuern, rannte er damit los Richtung Leuchtturm, um zu sehen, wer oder was sich dort versteckt hielt. Als ich ihm endlich hinterherlief, vernahm ich plötzlich ein Rascheln und sah eine erneute Bewegung. Jemand schoss aus dem Schatten der kahlen Äste hervor und zum Leuchtturm hinüber.
„Verdammt“, schoss es mir durch den Kopf. „Was hatte jemand um diese Zeit noch hier zu suchen?“ Keine Zeugen. Das war die wichtigste Regel. Keine Zeugen!
Ich lief jetzt nicht mehr, ich rannte. Jagte dem Mann hinterher, der nun klar zu erkennen war. Ich fragte mich noch, wohin er fliehen wollte, aber dann sah ich, wie er zum Leuchtturm hechtete und sich an der Tür zu schaffen machte. Ich kürzte meinen Weg ab, indem ich den Strand verließ und zwischen den Eisschollen durch die Pfützen des flachen Wassers rannte. Innerhalb weniger Sekunden waren meine Schuhe nass, und die Kälte packte meine Füße wie eiserne Krallen. Fast zeitgleich erreichten Leif und ich die Tür des Leuchtturms, durch die unser Beobachter nur einen Wimpernschlag zuvor entkommen war. Leif stemmte sich gegen die schwere Tür und krachte mit ihr ins Innere des Turmes. Wir hörten scheppernde Schritte, die sich so schnell sie konnten die Wendeltreppe hinaufbewegten. Kein Gedanke wurde verschwendet, bevor wir beide jetzt gemeinsam die Verfolgung aufnahmen. Stufe um Stufe, Meter um Meter sprinteten wir der Person hinterher, die unseren ganzen Plan gefährden wollte.
„Nein!“, war das Einzige, das von den Wänden meines Kopfes widerhallte. Ich nahm kaum wahr, wie meine Beine die hölzernen Stufen des weißen Turmes hinaufhetzten, wie ich das Ende der Treppen erreichte und jemand brüllte. Etwas Hartes flog durch den Raum, traf mich an der Schulter. Leif stand mit dem Rücken zu mir in dem kleinen, runden Raum und zielte auf das Gesicht des Mannes, das wir jetzt deutlich sehen konnten. Es war voller Angst, der Mund flehend verzerrt, die Augen weit aufgerissen in Anbetracht des Pistolenlaufs, der auf seinen Kopf gerichtet war. Erst dann bemerkte ich die bedruckte Jacke des Mannes und den Ausweis, der neben einem dicken Schlüsselbund an der Hose baumelte.
„Bitte!“, jammerte der Mann. „Ich habe nichts gesehen. Ich muss nur die Lichtanlage reparieren. Bitte, tun Sie mir nichts.“
„Seien Sie still!“, brüllte Leif. Er sah in meine Richtung. Seine Miene wechselte zwischen Schock, Panik und Wut, und sein Anblick versetzte mir einen Stoß. Die ganze Situation war innerhalb weniger Sekunden kollabiert, und Leif schien mit Schrecken zu spüren, wie ihm der Plan durch die Finger zerrann.
Wäre nicht dieser Mann aufgetaucht, würden wir beide längst niedergeschossen am Strand liegen. Unser Blut hätte ein bizarres Muster in den Schnee gesprenkelt und würde nach und nach im Boden versickern. Wäre nicht dieser Mann aufgetaucht, wäre unser Plan längst aufgegangen. Leifs Familie würde mit dem Einlösen der Lebensversicherung das Geld bekommen, das sie so dringend brauchte, und ich selbst wäre endlich all der Sorgen entflohen, die mich bedrückten. Allerdings: Bei Selbstmord zahlten die Versicherungen nichts. Und das machte diesen Leuchtturmwart zur größten Gefahr für unser Vorhaben. Denn er hatte nicht gesehen, wie ich Leif bedroht habe und erschießen wollte. Nein. Er hatte gesehen, wie zwei Freunde gemeinsam beschlossen hatten, einen letzten Weg zusammen zu gehen. Sein Wissen war es, das Leif in Wut versetzte.
„Setzen Sie sich da in die Ecke“, herrschte Leif den Mann gereizt an und deutete mit der Pistole in einen schmalen Winkel unter der Fensterfront. Dieser gehorchte und verkroch sich eilig in die Nische. Die Enge des winzigen Raumes war kaum auszuhalten. Wir brauchten Platz zum Denken.
„Was machen wir mit ihm?“, zischte Leif mir ins Ohr und zog mich gleichzeitig am Arm hinter den massiven Signalscheinwerfer. Die wuchtige Konstruktion des Leuchtapparates aus Stahl, Glas und Elektrik gab uns ein wenig Sichtschutz vor dem Mann.
„Hören Sie“, verzweifelt versuchte der Mann beschwichtigend auf uns einzureden. „Ich weiß nicht, warum Sie das tun wollen. Es geht mich auch nichts an. Aber ich schwöre Ihnen, ich werde niemandem etwas sagen, wenn Sie das befürchten.“
„Seien Sie ruhig“, fuhr Leif ihn erneut an. In seinen Augen flackerte etwas Gehetztes auf, das mir Angst machte. Hektisch wandte er sich zwischen mir und dem Mann hin und her, während die Pistole unkontrolliert zwischen seinen Fingern zitterte. Ich selbst konnte mich kaum rühren.
Leif sah mich auffordernd an. „Wir können jetzt keinen Rückzieher machen“, zischte er. Ich wusste, dass er recht hatte. Monatelang hatten wir diesen Abend durchdacht, alle Vorbereitungen getroffen und jeden Faktor einkalkuliert. Und jetzt tauchte dieser Leuchtturmwart hier auf.
Aber ich sagte: „Wir sollten ihn gehen lassen.“ Denn irgendetwas gab mir das Gefühl, dass dieser Mann mit unserer Sache nichts zu tun hatte. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
„Das geht nicht. Er wird alles auffliegen lassen. Du weißt, was das bedeutet. Dann wäre alles umsonst.“
Und das sollte es nicht sein. Wir hatten uns entschieden, diesen Weg zu gehen. Leifs Eltern brauchten das Geld mehr als dringend, und seine eigene Schwester hatte so viele Schulden, dass sein Tod wenigstens für etwas gut war. Aber dafür jemanden …
„Er wird nichts verraten. Schau ihn dir an“, meinte ich und sah zu dem Mann, der zusammengekauert am Boden saß und kaum noch zu atmen wagte.
Leif schnaubte. „Scheiße“, murmelte er und schien sich unter meinen Worten zu winden wie ein wildes Tier, das kaum zu bändigen war. Ich streckte meinen Arm aus, um seine Waffe sanft niederzudrücken. Für einen Augenblick glaubte ich sogar, er würde es geschehen lassen, doch dann riss er die Pistole hoch, zielte und drückte ab.
Es war ein gänzlich erstarrter Moment, in dem der ohrenbetäubende Schuss in meinen Ohren widerhallte, mein Blick das von Wut verzerrte Gesicht Leifs abtastete und irgendwann darauf das Loch erfassten, das nunmehr einige Zentimeter neben dem Leuchtturmwart in der Wand klaffte. Ob es ein Warnschuss war, eine geworfene Münze oder ein verfehlter Treffer, konnte ich so schnell nicht erfassen. Doch gleich darauf brüllte Leif durch den Raum.
„Los! Gehen Sie schon. Sie haben uns beide nie gesehen, verstanden?“ Leif bedeutete dem Mann mit einem Kopfnicken zu verschwinden. Der Leuchtturmwart nickte energisch, rappelte sich aus seiner Ecke auf und verließ vorsichtig und unsicher den Raum. Als er die Treppe erreicht hatte, blickte er sich noch einmal um, so als wüsste er nicht recht, ob er das Richtige tat, uns hier allein zu lassen. Aber dann entschied er sich zu gehen.
Sobald er verschwunden war, sank Leif neben mir zusammen. Er lehnte sich gegen die Wand, vergrub den Kopf in den Händen. Auch ich ließ mich neben ihm auf den Boden sinken und lauschte dem harten Wind, der draußen um den Turm pfiff. Erschöpfung machte sich in mir breit, und in meinem Kopf war plötzlich hilflose Leere. Unser Plan lag vor unseren Füßen wie eine zerbrochene Schale, die versehentlich zu Bruch gegangen war. Ich sah zu Leif hinüber. Seine Schultern zuckten sachte. Er war verzweifelt, und ich konnte es verstehen. Gerade wollte ich meinen Arm um ihn legen, da vernahm ich vom Treppenaufgang ein Räuspern. Der Leuchtturmwart stand wieder vor uns. Er sah uns an. Dann sagte er tonlos: „Ich kann es für euch tun.“
Leif hob den Kopf, starrte den Mann aus roten Augen unbewegt an. Und auch ich blickte zu ihm auf, bemüht, meine Gedanken zu ordnen. Warum war er zurückgekehrt? Warum hatte er nicht sein Leben genommen und war so schnell er konnte von hier verschwunden? Oder hatte er bereits die Polizei gerufen? Warum hatte er keine Angst mehr? Aber vor allem: Warum zögerten wir? Eine Sekunde. Zwei Sekunden.
Schließlich durchbrach Leif die Stille und reichte dem Wart wortlos seine Waffe. Er nahm sie entgegen, richtete zögernd den Lauf auf uns. Er wartete einen endlos scheinenden Moment, in dem ich Leifs und meine eigene Anspannung spüren konnte. Doch als mein Freund die Augen zusammenkniff und das Zittern seiner Hände kaum mehr unterdrücken konnte, warf der Mann die Waffe ruckartig den Treppenschacht hinunter. Ein schmetternder Lärm hallte in dem Treppenrohr herauf. Leif und ich sahen unser Gegenüber fassungslos an. Keiner von uns war fähig, ihn daran zu hindern.
„Findet eine andere Lösung“, sagte der Mann. „Wer solche Freunde hat, dem kann es so schlecht nicht gehen.“
Er wandte sich zum Gehen und ließ uns allein. Und nun war ich es, dem eine Träne über die Wange rann, in der nicht nur die überwundene Angst, sondern auch Erleichterung und vor allem Dankbarkeit über diese Begegnung mitflossen. Das Meer hatte seine Hand erneut schützend über mich gelegt. Ein letztes Mal.

 

Maren Graf: Im Auge des Leuchtfeuers
erschienen in: Die besten Kurzkrimis von der Waterkant, Eller & Richter Verlag 2015,
anlässlich der KrimiNordika 2015.